Inhalt der Website:: La Lupa ist anders. Wenn die in Z�rich lebende Tessinerin italienische Lieder oder Gedichte singt, taucht sie in die Ozeane der Gef�hle ein - und mit ihr das Publikum. Was heisst singen: La Lupa erleidet die melancholisch-tragischen Texte. Dann tr�gt ihr Vortrag Brecht'sche Z�ge. Doch wo echter Witz vor (fast) nichts haltmacht, darf Tragik komisch werden, Frivolit�t ergreifend.
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SonntagsZeitung, 27.03.05, von Senta van de Weetering
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Die Sängerin La Lupa lebt in Zürich und ist im Onsernonetal daheim.
Das Onsernonetal ist die Heimat von La Lupa. Sie kennt seine Lieder, seine Geschichten und seine Geschichte. Auch wenn sie die unbändige Natur des Tales liebt, so weiss sie doch, wie hart es für ihre Vorfahren war, damit zu leben.
Die Tessiner Sängerin La Lupa sitzt auf dem Balkon ihres Hauses in Corbella und zeigt auf die dicht bewaldete gegenüberliegende Seite des Onsernonetals. „Früher“, sagt sie, „war dort drüben alles Wiese, bis dort zu jenem Fels hinauf. Meine Grossmutter hat hier auf dem Balkon gesessen und die Ziegen beobachtet, die auf der anderen Seite weideten. Fehlte eine, hat sie gerufen: „Filippo, eine fehlt!“ und dann musste ihr Mann den ganzen Hang hinunter bis ins Tal und auf der anderen Seite alles wieder hinauf klettern und die Ziege suchen.“
Heute gibt es im Onsernonetal nur noch wenige Weiden und der Wald reicht bis zu den Dörfern, die an den steilen Felshängen kleben. Häuser, Wiesen, Terrassen – alles erobert sich die Natur hier zurück, kaum hat der Mensch es aufgegeben. Dieser wilde Überlebenswille von Bäumen und Büschen, die noch an den unmöglichsten Orten Wurzeln schlagen, macht den Reiz der Gegend aus. Die Vegetation des Tales verändert sich, je höher hinauf man kommt. Wachsen um die unteren Dörfer noch Palmen und spät blühende Kastanien, so dominiert weiter oben der Mischwald.
La Lupa – mit bürgerlichem Namen Maryli (mit Betonung auf der letzten Silbe!) Maura Herz-Marconi – hat die Lieder ihrer Heimat mit ihren farbenfrohen Auftritten auch in der deutschen Schweiz bekannt gemacht. Die Familiengeschichte der Sängerin ist eng mit dem Onsernonetal verbunden.
Das freundliche, kleine Ortsmuseum von Loco ist der Vergangenheit gewidmet. Hier sind die Geräte, mit denen die Menschen früher der Übermacht der Natur zu Leibe rückten, ausgestellt. In Russo, etwas weiter oben im Tal, wird dann deutlich, dass die Bevölkerung zwar älter wird, aber weiterhin mit der Zeit geht: Das Centro Sociale Onsernone ist ein geglücktes Beispiel moderner Architektur, die sich bestens in das Dorf einfügt. Es handelt sich um ein Zentrum für ältere und jüngere Menschen. Ein Altersheim ist darin untergebracht, aber auch die Praxis von zwei Ärzten; ein Café und eine Bocciabahn locken Besucherinnen und Besucher jeden Alters an. Der Bau verwendet dieselben Steine, mit denen überall in der Region gebaut wird. Überraschenderweise wirkt er trotz seiner Grösse nicht dominant.
Gegenwart und Vergangenheit treffen sich, wenn man mit Lupa durch das Tal geht. Was heute ein wildes Paradies für individualistische Erholungsreisende ist, erhält in den Erzählungen eine andere Dimension. Von Armmut ist da die Rede und von Emigration.
„Der Vater meiner Mutter war Lehrer, einer der wenigen Männer, die das ganze Jahr hindurch im Dorf blieben. Er ass jede Woche einmal Fleisch. Der Vater meines Vaters war Handwerker. In der Familie kam Fleisch zwei Mal im Jahr auf den Tisch“, erzählt die Sängerin. In ihrer Erinnerung herrscht im Onsernonetal das Matriarchat, schliesslich waren viele Männer nur für drei Wintermonate überhaupt daheim. Landwirtschaft war in den meisten Familien Sache der Frauen und der Kinder: Sie hüteten die Tiere, pflanzen und ernteten die Kartoffeln und sammelten Kastanien.
Blickt man die Hänge hinauf, so sieht man über den Orten die Maiensässe und manchmal, ganz weit oben, eine Alp. Für ihren ursprünglichen Zweck werden die Weideplätze heute kaum mehr genützt, doch dank ihnen gibt es noch immer Wege, die sie mit einander verbinden. Lupa empfiehlt die Wanderung von Comologno oder von Spruga aus zur Alpe Salei. Sie dauert etwa zweieinhalb Stunden, oben befindet sich eine in den Sommermonaten bewirtete Alphütte, von der aus man zum Lago dei Salei gelangen kann.
Wem der Sinn zwar nach Aussicht, nicht aber nach einer Wanderung steht, der kann ins Vergeletto-Tal zu fahren und dort in Zott, etwas oberhalb von Vergeletto, die Seilbahn nehmen. So gelangt man im Sommer mühelos auf die Alpe Salei und kann zum See spazieren. Anstatt 900 gilt es dann nur noch 200 Höhenmeter zu überwinden.
Auch für Tage, an denen man keine Lust auf steile Wege hat, weiss Lupa Rat: Von Spruga, dem obersten Dorf im Tal, führt eine geteerte Strasse weiter, bis zur Grenze nach Italien, die man in etwa vierzig Minuten erreicht. Sie ist unbewacht und ohne Landkarte nicht erkennbar. Dahinter entdeckt man auf der anderen Seite des Flusses die Bagni di Craveggia. Wer mag kann im Becken mit dem Thermalwasser baden. Wem das sumpfige Wasser, das dabei überquillt, nicht zusagt, streckt stattdessen die Füsse in den erfrischend kalten Isorno.
Auch wenn im Tal niemand reich wurde, so gab es unter den Auswanderern einige, die im Ausland ihr Glück machten. Davon zeugen Prunkbauten, von denen sich in Comolgno einige schöne Beispiele finden. Eines von ihnen, der Palazzo Gamboni, beherbergt seit einigen Jahren als Hotel Gäste. Die Bürgergemeinde hat das Haus sorgfältig umgebaut und dabei darauf geachtet, dass der Stil des Bürgerpalazzos erhalten blieb, auch wenn für heutige Gäste Sauna und Whirlpool zur Verfügung stehen. Essen kann man nebenan, in der Osteria Palazign, die ebenfalls der Bürgergemeinde gehört und deren Küche für solide, wenn auch wenig originelle Ernährung sorgt.
Neben dem Palazzo Gamboni liegt „La Barca“, ein anderer prächtiger Bau, der allerdings nicht öffentlich zugänglich ist. Hier bewirtete früher die Schriftstellerin Aline Valangin so berühmte Gäste wie Kurt Tucholsky und Max Ernst. Ihre eigenen Geschichten zeugen davon, wie genau sie das Leben im Tal beobachtete.
In Lupas Haus in Corbella, einem Weiler vor Comologno, findet sich nichts von diesem Prunk. Es ist klein, die Decke niedrig, wie im Tal üblich. Die grosse Frau kann gerade mal aufrecht darin stehen. Doch ist unübersehbar, sobald die Sängerin das Haus betritt: Hier ist sie daheim. Hier ist schon ihr Grossvater aufgewachsen, der Mauerer, Gipser und Maler war. Während acht Monaten im Jahr zog er ins Welschland und suchte dort Arbeit. Als sein Sohn 14 Jahre alt wurde, begleitete er ihn zum ersten Mal. Dass Lupa selber mit 20 nach Zürich kam, um hier ihr Geld zu verdienen, entsprach somit der aus Not geborenen Familientradition.
Heute gehört sie zu den vielen, die eine Heimat im Onsernonetal haben und eine Heimat anderswo in der Welt. Manche von ihnen sind noch nicht einmal im Tal aufgewachsen und kehren doch regelmässig hierher zurück. „Ich bin überzeugt, dass diese Menschen damit unbewusst den Wunsch ihrer Vorfahren erfüllen, die emigriert sind, um im Ausland Geld zu verdienen, und die eigentlich immer nur eines wollten: Nach Hause zurückkehren.“
Zum Abschied singt La Lupa von ihrem Balkon aus das Lied, das die Männer aus dem Tal durch die Jahrhunderte sangen, wenn sie jeweils im Frühjahr die Heimat verliessen. Ihre gewaltige Stimme trägt die jahrhundertealte Traurigkeit weit über das bewaldete Tal.
Wanderkarte: Das Tal ist auf der Wanderkarte des Bundesamtes für Topologie im Massstab 1.25’000 zweigeteilt. Für das untere, östliche Tal braucht man Blatt Nr. 1312 (Locarno), für das obere Tal Nr. 1311 (Comologno).
Reisezeit: Grundsätzlich gilt: Je sommerlicher, desto besser die Infrastruktur, von Restaurants bis hin zu Seilbahnen. Die Saison beginnt mit Ostern.
Palazzo Gamboni: Das Hotel schliesst über Winter und ist im Frühjahr jeweils ab Ostern geöffnet; das Telefon ist das ganze Jahr über besetzt. Information und Reservation unter 0041 91 780 60 09; www.palazzogamboni.ch